Politik in der (Post-)Moderne - edition fatal

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62 POLITIK IN DER (POST-)MODERNE 157 Auch die Politik hat sich deshalb dem +schönen Schein* der Warenwelt anzupassen. Es kommt zu einer Ästhetisierung der Politik, die sich damit immer mehr +entpolitisiert* und zu einer rein +symbolischen Politik* verkommt. 158 Dieses Argument ist insbesondere von Bernd Guggenberger ausgearbeitet worden. Er bemerkt hierzu: +Der ästhetische Blick verändert die einem politischen Problem zugrundeliegende Struktur, er verleitet dazu, politische Fragen in Kategorien von Fragen des Geschmacks zu behandeln; er vernichtet dabei genau jenen Anteil des autonom Politischen an den Ereignissen, den wahrzunehmen für das politische Urteil unverzichtbar ist.* (Die politische Aktualität des Ästhetischen; S. 27) Den Grund für die Fixierung auf das Ästhetische sieht auch Guggenberger in der postmodernen Pluralisierung, die – indem sie (aus Guggenbergers Sicht) alles auf die Geschmacks-Frage reduziert – die Tore für eine individuell verunsichernde Erosion der einheitsstiftenden ethischen wie kognitiven Grundlagen der Gesellschaft öffnet. Er bemerkt deshalb: +Es sind vor allem unsere Gewißheits- und Eindeutigkeitsverluste, welche die ästhetischen Kompensationen auf den Plan rufen.* (Ebd.; S. 29) Das alles bleibt nicht ohne Auswirkungen auf das (politische) Subjekt, das immer mehr auf die Beobachterrolle beschränkt wird. +Die ›Aktualität des Ästhetischen‹ gehört zu einer Epoche, die das Subjekt durch den Beobachter ersetzt* (ebd.; S. 39) – so faßt Guggenberger diesen 159 Sachverhalt zusammen. Auch gemäß ihm ist das Ästhetische jedoch nicht per se ein Moment der Bedrohung des Subjekts und der Entpolitisierung. Vor allem in der Kunst als seiner originären Sphäre hatte es (durch seinen kreativen Aspekt) immer auch die Bedeutung der transzen- dierenden Erneuerung und der Innovation. In diesem Sinn könnte das Ästhetische der Politik durchaus etwas zu geben haben. Dafür müßte es sich jedoch vom primär ökonomischen Zweck emanzipieren, dem es aktuell dient. (Vgl. ebd.; S. 5ff. u. S. 40–52) 160 Guggenbergers in der Linie der +Frankfurter Schule* (insbesondere Adorno) stehende Kritik kann als Ausdruck eines +Unbehagen an der Politik* gedeutet werden. Dieses Unbehagen wiederum entspringt einem noch weitgehend traditionell +modern* geprägten Politikverständnis. 161 Denn die postmodernen +Enttäuschungen der Vernunft* (Müller-Funk 1990) haben zu einem immer deutlicher werdenden absoluten Desinteresse gegenüber Politik – zumindest in ihrer

KAP. 1: POLITIK – ETYMOLOGIE UND SEMANTIK EINES +RECYCLINGFÄHIGEN* BEGRIFFS 63 +klassischen* Ausprägung – geführt. Andererseits gilt, wie Müller-Funk wiederum ganz analog zu Beck bemerkt: +Vielleicht liegt die Zukunft außerhalb der Politik. Vielleicht liegt das Politische auch außerhalb dessen, wo wir es vermuten: außerhalb der Politik.* (Die Enttäuschungen der Vernunft; S. 152) Hier klingt noch, wie letztendlich auch bei Guggenberger, die Möglichkeit zur +Versöhnung* zwischen dem politischen Anspruch der einfachen Moderne und der gewandelten politischen Realität der radikalisierten (Post-)Moderne durch. Doch die +Figuren des Transpolitischen* führen zumindest für Jean Baudrillard (siehe auch S. LVf.) direkt in die politische Apokalypse. Die Auflösung des Politischen im Transpolitischen ist nach ihm nämlich gleichbedeutend mit einem +Hereinbrechen der Obszönität* (Die fatalen Strategien; S. 29) sowie einer Auslöschung aller Sinnhaftigkeit in der krankhaften Wucherung des Banalen: +Das Transpolitische ist der Modus, in dem alles verschwindet […], es ist jener unheilvolle Wendepunkt, an dem der Horizont des Sinns endet […] Das Transpolitische ist auch folgendes: der Übergang vom Wachstum zur Auswucherung […] vom organischen Gleichgewicht zu krebsartigen Metastasen.* (Ebd.) Diese Einschätzung liegt in Baudrillards skeptischem Posthistorismus begründet: +Wir befinden uns wahrhaftig in einem Jenseits […] der Himmel der Utopie ist auf die Erde herab- gekommen, und was sich einst als strahlende Perspektive abzeichnete, stellt sich nunmehr als Katastrophe im Zeitlupentempo dar.* (Ebd.; S. 85) Aus dieser Kulturkritik spricht eindeutig die Verachtung des Intellektuellen für die (post)moderne Massengesellschaft, in der die +Nichtigkeit des Realen* sich beweist. Gegen diese Nichtigkeit des Realen helfen laut Baudrillard nur die +fatalen* Strategien der Destruktion, denn +weder das rationale Prinzip noch der Gebrauchswert können uns retten, sondern [nur] das unmoralische Prinzip des Spektakels, das ironische Prinzip des Bösen* (ebd.; S. 226f.). Die wahrscheinlich wichtigste, vielleicht gar die einzig erfolgversprechende fatale Strategie ist dabei die Theorie, denn sie enthüllt und demontiert in ihrer ironischen, selbstüberschreitenden Distanz zur +objektiven* Welt deren Objektcharakter. (Vgl. ebd.; S. 220–232) Aus den Sätzen Baudrillards ist Nietzsches Diktion und Gedankengut leicht herauszuhören. Das Plädoyer für die fatalen Strategien entspricht Nietzsches (a)moralischem Nihilismus, der

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Auch die <strong>Politik</strong> hat sich deshalb dem +schönen Sche<strong>in</strong>* <strong>der</strong> Warenwelt anzupassen. Es<br />

kommt zu e<strong>in</strong>er Ästhetisierung <strong>der</strong> <strong>Politik</strong>, die sich damit immer mehr +entpolitisiert* und<br />

zu e<strong>in</strong>er re<strong>in</strong> +symbolischen <strong>Politik</strong>* verkommt. 158<br />

Dieses Argument ist <strong>in</strong>sbeson<strong>der</strong>e von Bernd Guggenberger ausgearbeitet worden. Er bemerkt<br />

hierzu:<br />

+Der ästhetische Blick verän<strong>der</strong>t die e<strong>in</strong>em politischen Problem zugrundeliegende Struktur, er verleitet<br />

dazu, politische Fragen <strong>in</strong> Kategorien von Fragen des Geschmacks zu behandeln; er vernichtet dabei<br />

genau jenen Anteil des autonom Politischen an den Ereignissen, den wahrzunehmen für das politische<br />

Urteil unverzichtbar ist.* (Die politische Aktualität des Ästhetischen; S. 27)<br />

Den Grund für die Fixierung auf das Ästhetische sieht auch Guggenberger <strong>in</strong> <strong>der</strong> postmo<strong>der</strong>nen<br />

Pluralisierung, die – <strong>in</strong>dem sie (aus Guggenbergers Sicht) alles auf die Geschmacks-Frage<br />

reduziert – die Tore für e<strong>in</strong>e <strong>in</strong>dividuell verunsichernde Erosion <strong>der</strong> e<strong>in</strong>heitsstiftenden ethischen<br />

wie kognitiven Grundlagen <strong>der</strong> Gesellschaft öffnet. Er bemerkt deshalb:<br />

+Es s<strong>in</strong>d vor allem unsere Gewißheits- und E<strong>in</strong>deutigkeitsverluste, welche die ästhetischen Kompensationen<br />

auf den Plan rufen.* (Ebd.; S. 29)<br />

Das alles bleibt nicht ohne Auswirkungen auf das (politische) Subjekt, das immer mehr auf<br />

die Beobachterrolle beschränkt wird. +Die ›Aktualität des Ästhetischen‹ gehört zu e<strong>in</strong>er Epoche,<br />

die das Subjekt durch den Beobachter ersetzt* (ebd.; S. 39) – so faßt Guggenberger diesen<br />

159<br />

Sachverhalt zusammen. Auch gemäß ihm ist das Ästhetische jedoch nicht per se e<strong>in</strong> Moment<br />

<strong>der</strong> Bedrohung des Subjekts und <strong>der</strong> Entpolitisierung. Vor allem <strong>in</strong> <strong>der</strong> Kunst als se<strong>in</strong>er orig<strong>in</strong>ären<br />

Sphäre hatte es (durch se<strong>in</strong>en kreativen Aspekt) immer auch die Bedeutung <strong>der</strong> transzen-<br />

dierenden Erneuerung und <strong>der</strong> Innovation. In diesem S<strong>in</strong>n könnte das Ästhetische <strong>der</strong> <strong>Politik</strong><br />

durchaus etwas zu geben haben. Dafür müßte es sich jedoch vom primär ökonomischen<br />

Zweck emanzipieren, dem es aktuell dient. (Vgl. ebd.; S. 5ff. u. S. 40–52)<br />

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Guggenbergers <strong>in</strong> <strong>der</strong> L<strong>in</strong>ie <strong>der</strong> +Frankfurter Schule* (<strong>in</strong>sbeson<strong>der</strong>e Adorno) stehende Kritik<br />

kann als Ausdruck e<strong>in</strong>es +Unbehagen an <strong>der</strong> <strong>Politik</strong>* gedeutet werden. Dieses Unbehagen<br />

wie<strong>der</strong>um entspr<strong>in</strong>gt e<strong>in</strong>em noch weitgehend traditionell +mo<strong>der</strong>n* geprägten <strong>Politik</strong>verständnis.<br />

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Denn die postmo<strong>der</strong>nen +Enttäuschungen <strong>der</strong> Vernunft* (Müller-Funk 1990) haben zu e<strong>in</strong>em<br />

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